Thomas Boehm erhält Advanced Grant des European Research Council
Der Emeritus-Direktor am Max-Planck-Institut für Biologie Tübingen gewinnt begehrte Förderung für sein Forschungsprojekt ImmunoPlast.
Das Projekt untersucht die außergewöhnlichen Immunsysteme von Tiefsee-Anglerfischen, um grundlegende Prinzipien der Immunanpassung und Immuntoleranz aufzudecken.
Thomas Boehm, Emeritus-Direktor am Max-Planck-Institut für Biologie Tübingen, erhält einen Advanced Grant des European Research Council (ERC) für sein Forschungsprojekt ImmunoPlast. Mit der auf fünf Jahre angelegten Förderung wird ein innovatives Vorhaben unterstützt, das untersucht, wie sich Immunsysteme von Wirbeltieren über die Grenzen der klassischen adaptiven Immunität hinaus entwickeln können. Im Mittelpunkt stehen Tiefsee-Anglerfische, deren außergewöhnliche Biologie einzigartige Einblicke in die Plastizität des Immunsystems, Mechanismen der Gewebetoleranz und die evolutionären Grundlagen der Immunabwehr ermöglicht. Für seine Arbeiten zur Evolution des Immunsystems erhält Thomas Boehm damit bereits seinen dritten ERC Advanced Grant.
Im Mittelpunkt des Projekts stehen Tiefsee-Anglerfische, deren außergewöhnliche Fortpflanzungsbiologie eines der bemerkenswertesten Beispiele für Immuntoleranz in der Natur darstellt. Bei mehreren Arten heften sich die Männchen dauerhaft an die Weibchen an und verschmelzen schließlich mit deren Gewebe und Kreislaufsystem. Ein solcher Vorgang würde normalerweise eine starke Immunreaktion mit Abstoßung des fremden Gewebes auslösen.
Neuere Studien zeigen, dass einige Anglerfischarten tiefgreifende Veränderungen ihres Immunsystems durchlaufen haben. Dazu gehört der Verlust von Genen, die für die klassische adaptive Immunantwort von zentraler Bedeutung sind. Diese außergewöhnlichen Anpassungen eröffnen die Möglichkeit, grundlegende Fragen zur Evolution des Immunsystems zu untersuchen: Wie können Organismen unter stark veränderten immunologischen Voraussetzungen gesund bleiben und gleichzeitig einen wirksamen Schutz vor Infektionen aufrechterhalten?
„Tiefsee-Anglerfische haben Immunsysteme, die einige unserer grundlegenden Annahmen von der Biologie der Wirbeltiere infrage stellen“, sagt Thomas Boehm. „Indem wir erforschen, wie diese Tiere die Verschmelzung von Geweben genetisch unterschiedlicher Individuen tolerieren und dennoch gesund bleiben, hoffen wir, neue Prinzipien der Immunfunktion und ihrer evolutionären Anpassungsfähigkeit aufzudecken.“
Im Rahmen von ImmunoPlast werden vergleichende genomische, transkriptomische, histologische und funktionelle Ansätze kombiniert, um den evolutionären Übergang von einem konventionellen Wirbeltier-Immunsystem zu einem „postadaptiven“ Zustand zu untersuchen. In diesem fehlen jene Mechanismen der somatischen Diversifizierung, die als charakteristisches Merkmal der adaptiven Immunität gelten.
Die erwarteten Ergebnisse versprechen neue Erkenntnisse über die Anpassungsfähigkeit des Immunsystems, Mechanismen der Immuntoleranz, schwangerschaftsassoziierten Gewebechimärismus sowie die biologischen Grundlagen von Immundefizienzen. Darüber hinaus wird das Projekt dazu beitragen, besser zu verstehen, wie die Evolution die große Vielfalt immunologischer Strategien hervorgebracht hat, die heute bei Wirbeltieren zu beobachten sind.
Über den ERC Advanced Grant
Die ERC Advanced Grants gehören zu den renommiertesten und wettbewerbsfähigsten EU-Förderprogrammen und bietet Forschenden die Möglichkeit, ehrgeizige, von Neugier getriebene Projekte zu verfolgen, die zu großen wissenschaftlichen Durchbrüchen führen könnten. Sie werden an etablierte, führende Forscher vergeben, die in den letzten zehn Jahren nachweislich bedeutende Forschungsergebnisse erzielt haben.
Über den ERC
Der Europäische Forschungsrat, ERC, wurde 2007 von der Europäischen Union etabliert und ist die erste europäische Förderorganisation für herausragende Forschung. Jedes Jahr finanziert der ERC die besten und kreativsten Forschende verschiedenster Nationalitäten und jeden Alters, damit diese ihre Projekte in Europa durchführen können. Der ERC vergibt vier Arten von Stipendien: den Starter Grant, den Consolidator Grant, den Synergy Grant und den Advanced Grant. Mit seinem zusätzlichen „Proof of Concept“-Förderprogramm hilft der ERC den Förderungsempfängern dabei, die Lücke zwischen ihrer bahnbrechenden Forschung und den frühen Phasen der Kommerzialisierung zu schließen. Der ERC wird von einem unabhängigen Leitungsgremium, dem Wissenschaftlichen Rat, geleitet. Seit November 2021 ist Maria Leptin Präsidentin des ERC. Das Gesamtbudget des ERC für den Zeitraum 2021 bis 2027 beträgt mehr als 16 Milliarden Euro und ist Teil des Programms „Horizont Europa“, das in den Zuständigkeitsbereich von Ekaterina Zaharieva, EU-Kommissarin für Start-ups, Forschung und Innovation, fällt.
