30 Jahre Nobelpreis für Christiane Nüsslein-Volhard

Das Max-Planck-Institut für Biologie Tübingen ehrte seine ehemalige Direktorin und Deutschlands erste und einzige weibliche Nobelpreisträgerin in den Naturwissenschaften am Wochenende im Rahmen eines Symposiums.

25. November 2025

Vom 13. bis 16. November 2025 feierte das Max-Planck-Institut für Biologie Tübingen das 30-jährige Jubiläum des historischen Nobelpreises von Christiane Nüsslein-Volhard mit einem Wochenende voller wissenschaftlicher Gespräche, herzlicher Wiedersehen und Rückblicke auf drei Jahrzehnte voller Entdeckungen. Mitglieder von Nüsslein-Volhards Forschungsteams aus Europa und den Vereinigten Staaten, Alumni aus mehreren Generationen sowie die derzeitigen Direktorinnen und Direktoren sowie Mitarbeitende des Instituts kamen auf dem Campus zu einem Symposium mit wissenschaftlichen Gesprächen und Reflexionen darüber zusammen, wie ihre Arbeit die Entwicklungsbiologie bis heute beeinflusst.

„Es ist großartig, Sie hier am Institut zu haben, um uns, die nächste Generation von Forschenden, zu inspirieren“, sagte Susana Coelho, geschäftsführende Direktorin des MPI für Biologie Tübingen, bei der Eröffnung des Symposiums zum 30-jährigen Jubiläum des historischen Nobelpreises von Christiane Nüsslein-Volhard. Ihre Worte stimmten auf ein Wochenende ein, das sich sowohl mit dem wissenschaftlichen Fortschritt als auch mit dem persönlichen Einfluss der Nobelpreisträgerin befasste.

Eine Heimkehr für eine durch Tübingen geprägte Forschungsgemeinschaft

Die Jubiläumsveranstaltung bot die seltene Gelegenheit, Forschende, die vor drei Jahrzehnten mit Christiane Nüsslein-Volhard und Eric Wieschaus an ihren bahnbrechenden Arbeiten zusammengearbeitet hatten, mit der aktuellen Generation von Nachwuchsforschenden, Gruppenleitern, Direktorinnen und Mitarbeitenden auf dem Max-Planck-Campus zu einer gemeinsamen Feier zusammenzubringen.

Das Hauptsymposium am Freitag fand im neu eröffneten Max-Planck-Haus statt und stand der gesamten Campus-Gemeinschaft offen. Viele Gäste kehrten an einen Campus zurück, der sich seit ihrer Zeit in Tübingen erheblich verändert hatte. In ihrer Begrüßungsrede zeigte Christiane Nüsslein-Volhard ein altes Foto des Max-Planck-Campus, um den Gästen die vielen neuen Gebäude und Entwicklungen zu veranschaulichen. Anschließend gab sie einen Überblick über die mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Forschung, die Tübingen internationale Anerkennung verschafft und den Grundstein für die moderne Entwicklungsgenetik gelegt hat.

Es folgten vier thematische wissenschaftliche Sitzungen unter dem Vorsitz von Christian Lehner, Anne Ephrussi, Trudi Schüpbach und Phil Ingham. Die Vorträge verdeutlichten die Vielfalt der Forschung, die heute von den Alumni des Nüsslein-Volhard-Labors betrieben wird. Zu den Referenten gehörten langjährige Mitarbeitende, ehemalige Gruppenleiter und international anerkannte Expertinnen und Experten, deren Forschung das Fachgebiet weiterhin prägt. Die Präsentationen befassten sich mit der Achsenbildung bei Insekten, der Keimzellbiologie, der Muskelentwicklung, der Apoptose-induzierten Proliferation, der Zelladhäsion und der Zytokinese bei Pflanzen. Die Referierenden präsentierten ihre aktuelle Arbeit und würdigten gleichzeitig die prägende Rolle ihrer Zeit in Tübingen. Der Tag endete mit einer Ansprache von Eric Wieschaus, langjähriger Mitarbeiter von Nüsslein-Volhard und ebenfalls Nobelpreisträger.

Am Samstag wurden die Feierlichkeiten in einem eher privaten Rahmen mit einer geschlossenen Veranstaltung fortgesetzt, an der 35 ehemalige Mitarbeitende und fünf langjährige Freundinnen und Freunde von Nüsslein-Volhard teilnahmen. Für die Gastgeberin war diese Veranstaltung einer der emotionalen Höhepunkte des Wochenendes. Sie bot Raum, um wissenschaftliche Meilensteine Revue passieren zu lassen, auf gemeinsame Erfolge zurückzublicken und persönliche Erinnerungen auszutauschen.

Leben und Werk von Christiane Nüsslein-Volhard

Christiane Nüsslein-Volhard, geboren in Heyrothsberge, wuchs in einer Familie auf, die Neugier und Kreativität förderte. Sie entwickelte schon früh eine Faszination für Biologie und studierte in Frankfurt und Tübingen, wo sie 1974 am Max-Planck-Institut für Virusforschung promovierte. Nach einem Forschungsaufenthalt am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg kehrte sie 1981 nach Tübingen zurück und wurde später Direktorin am Max-Planck-Institut für Virusforschung, dem heutigen MPI für Biologie Tübingen.

Zusammen mit Eric Wieschaus untersuchte Nüsslein-Volhard, wie sich eine befruchtete Eizelle zu einem komplexen Organismus entwickelt. Ihre bahnbrechenden genetischen Untersuchungen an Drosophila identifizierten Schlüsselgene, die die frühe Embryonalentwicklung steuern – eine Arbeit, die die Entwicklungsbiologie grundlegend veränderte und den Forschenden 1995 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin einbrachte. Die Entdeckungen machten Tübingen zu einem globalen Zentrum für Molekulargenetik und lieferten Erkenntnisse, die sich später auch bei Säugetieren bestätigten und tiefgreifende Auswirkungen auf das Verständnis von Entwicklung und Krankheit hatten.

In ihrem eigenen Labor erweiterte Nüsslein-Volhard diese Arbeit auf Gene mit maternalem Effekt, die die Hauptachsen des Embryos festlegen, und erzielte dabei Erkenntnisse, die heute als essentielles Wissen in der Entwicklungsbiologie gelten. Viele führende Forschende wurden in ihrer Gruppe ausgebildet, was ihren Einfluss als Mentorin und wissenschaftliche Leiterin unterstreicht.

Um die Karrierebedingungen für Frauen in der Wissenschaft zu verbessern, gründete sie 2004 mit einem Teil ihres Nobelpreisgeldes die Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung. Die Stiftung unterstützt in Deutschland tätige Doktorandinnen und Postdoktorandinnen mit Kindern und hilft ihnen, familiäre Verpflichtungen und experimentelle Forschung miteinander in Einklang zu bringen.

Ein Vermächtnis, das weiterhin inspiriert

Als das Wochenende zu Ende ging, waren sich die Teilnehmenden einig: Christiane Nüsslein-Volhards Arbeit hat nicht nur die Entwicklungsbiologie verändert – sie hat auch dazu beigetragen, in Tübingen eine wissenschaftliche Gemeinschaft aufzubauen, die auf Neugier, Integrität und Kreativität basiert. Ihr Einfluss hält bis heute an – in den Erkenntnissen, die auf ihren frühen Arbeiten basieren, in den Karrieren der von ihr ausgebildeten Forschenden und in den Möglichkeiten, die durch ihre Stiftung geschaffen wurden.

Das Jubiläumssymposium war sowohl eine Feier als auch eine Erinnerung daran, dass ihr Vermächtnis nicht nur ein prägender Teil der Geschichte des Instituts ist, sondern auch eine Quelle der Inspiration für zukünftige Generationen von Forschenden bleibt.

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